Fragen Sie zehn Menschen, wie viele Kamelarten es gibt, und Sie erhalten zehn verschiedene Antworten. Die meisten sagen zwei: eins mit einem Höcker, eins mit zweien. Manche kommen auf vier. Kaum jemand nennt die richtige Zahl.
Und selbst über die richtige Zahl streitet die Wissenschaft.
Kamele gehören zu den am meisten missverstandenen Tieren überhaupt. Fast alles, was allgemein über sie bekannt ist, stimmt entweder nicht oder nur halb. Der Höcker speichert kein Wasser. Die Pharaonen ritten keine Kamele. Und das größte frei lebende Kamelvorkommen der Welt liegt heute nicht in Arabien, sondern in Australien.
In diesem Überblick erfahren Sie, welche Kamelarten es tatsächlich gibt, worin sie sich unterscheiden – und warum diese Tiere biologisch zu den außergewöhnlichsten Säugetieren der Erde zählen.
Kamel ist keine Art, sondern eine ganze Familie. Zoologisch heißt sie Camelidae, und sie umfasst heute sieben lebende Arten, verteilt auf zwei Kontinentalgruppen.
Die Altweltkamele: die Höckerträger
Drei Arten, alle mit Höckern, alle in Afrika und Asien beheimatet:
Vier Arten, keine davon mit Höcker, alle ausschließlich in Südamerika:
Sie werden häufig lesen, es gebe sechs Kamelarten. Diese Zählung ist veraltet.
Der Grund liegt beim Wildkamel der Wüste Gobi. Lange galt es als verwildertes Hauskamel – als entlaufenes Trampeltier, das sich in der Wildnis durchgeschlagen hat. Genetische Untersuchungen haben diese Annahme widerlegt: Das Wildkamel spaltete sich vor Hunderttausenden von Jahren vom gemeinsamen Vorfahren ab, lange bevor der Mensch überhaupt begann, Tiere zu domestizieren.
Es ist keine verwilderte Hausform. Es ist eine eigene, uralte Art.
Und es ist extrem selten. Die Weltnaturschutzunion IUCN führt das Wildkamel als vom Aussterben bedroht. Es leben weniger als tausend Tiere – damit ist es seltener als der Große Panda. Die verbliebenen Bestände konzentrieren sich auf wenige Schutzgebiete in der Gobi, in China und der Mongolei.
Wenn Sie also eine korrekte, aktuelle Zahl brauchen: sieben.
In Südamerika leben Lama, Alpaka, Guanako und Vikunja, die zu den höckerlosen Neuweltkamelen gehören.
Zwischen der größten und der kleinsten Kamelart liegt fast der Faktor zwanzig. Beide gehören zur selben Familie.
Bei den Altweltkamelen erreicht das Dromedar eine Schulterhöhe von 180 bis 200 Zentimetern bei einem Gewicht zwischen 400 und 690 Kilogramm. Das Trampeltier bleibt mit 160 bis 180 Zentimetern niedriger, wiegt mit 450 bis 1.000 Kilogramm aber deutlich mehr. Das Wildkamel entspricht in der Höhe dem Trampeltier, fällt mit 300 bis 690 Kilogramm jedoch leichter aus.
Bemerkenswert dabei: Das Dromedar ist die höhere Art, das Trampeltier die schwerere. Ein Dromedar überragt ein Trampeltier deutlich, wirkt dabei aber schlanker und langbeiniger. Das Trampeltier ist gedrungener und massiger gebaut – ein Körperbau, der in kalten Steppen Wärme besser hält.
Die Neuweltkamele fallen durchweg kleiner aus. Lamas erreichen 110 bis 130 Zentimeter Schulterhöhe bei 120 bis 150 Kilogramm. Guanakos messen 100 bis 130 Zentimeter und wiegen 90 bis 140 Kilogramm. Alpakas bringen es auf 80 bis 100 Zentimeter und 48 bis 90 Kilogramm.
Das Vikunja ist die kleinste Kamelart der Welt: 85 bis 90 Zentimeter Schulterhöhe, 35 bis 65 Kilogramm Gewicht. Es wiegt damit weniger als ein Schäferhund.
Es ist der Klassiker unter den Tierirrtümern: Der Höcker sei ein Wassertank.
Er ist es nicht.
Im Höcker befindet sich Fett – bis zu 36 Kilogramm konzentrierte Energiereserve. Kein Tropfen Wasser.
Der eigentliche Trick liegt nicht darin, dass Kamele Fett speichern – das tun alle Säugetiere. Er liegt darin, wo sie es speichern.
Andere Tiere verteilen Fett über den ganzen Körper. Das wirkt wie eine Isolierschicht und hält Wärme fest. In der Wüste wäre das lebensgefährlich.
Ein Kamel bündelt sein Fett stattdessen auf dem Rücken. Zwei Vorteile ergeben sich daraus:
Ein gut genährtes Kamel trägt einen prallen, aufrecht stehenden Höcker. Zehrt das Tier seine Reserven auf, schrumpft der Höcker, wird schlaff und kippt zur Seite.
Das ist kein Wassermangel. Das ist ein leerer Tank.
Bei gut gefütterten Tieren richtet er sich innerhalb weniger Wochen wieder auf.
Das Dromedar besitzt einen Höcker und ist vor allem in Nordafrika, auf der Arabischen Halbinsel und in Teilen Asiens verbreitet.
Nein, die Höcker speichern Fett, das den Kamelen bei Nahrungsknappheit als Energiereserve dient.
Kamele besiedeln Lebensräume, an denen fast jedes andere Großsäugetier scheitert. Das gelingt ihnen nicht durch eine einzige Anpassung, sondern durch ein ganzes Bündel davon – und einige davon sind im Tierreich einmalig.
Kamele sind die einzigen Säugetiere, deren rote Blutkörperchen elliptisch statt rund geformt sind.
Das klingt nach einem Detail für Fachleute. Tatsächlich ist es einer der Schlüssel zum Überleben in der Wüste.
Verliert ein Tier stark an Wasser, wird sein Blut zähflüssig. Bei den meisten Säugetieren führt das zum Kollaps: Die runden Blutkörperchen kommen in den feinsten Kapillaren nicht mehr durch, die Sauerstoffversorgung bricht zusammen.
Die schmalen, ovalen Zellen des Kamels richten sich am Blutfluss aus und passen weiterhin hindurch. Hinzu kommt eine zweite Eigenschaft: Diese Blutkörperchen können enorm aufquellen, ohne zu platzen – weit stärker als die anderer Tiere.
Genau das macht das spektakuläre Trinkverhalten der Kamele erst möglich. Ein ausgedörrtes Kamel nimmt in wenigen Minuten über hundert Liter Wasser auf.
Bei jedem anderen Säugetier würden die Blutkörperchen bei einem derart schlagartigen Wassereinstrom aufplatzen.
Säugetiere halten ihre Körpertemperatur normalerweise konstant. Weicht sie mehr als ein bis zwei Grad ab, sprechen wir von Fieber oder Unterkühlung.
Kamele machen das Gegenteil. Sie lassen ihre Temperatur im Tagesverlauf bewusst steigen – morgens liegt sie bei rund 34 °C, am Nachmittag über 40 °C.
Der Nutzen ist enorm: Sie schwitzen erst dann, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Die Nachmittagshitze speichern sie einfach im eigenen Körper. Nachts, wenn die Wüste auskühlt, gibt der Körper die Wärme von selbst wieder ab.
Diese eine Anpassung spart täglich literweise Wasser.
Ende der 1980er-Jahre machten belgische Forscher an der Vrije Universiteit Brussel eine Entdeckung, die niemand erwartet hatte: Kamele besitzen neben den normalen Antikörpern eine zweite, sehr viel kleinere Sorte.
Diese Miniantikörper – heute als Nanobodies bekannt – sind so kompakt gebaut, dass sie an Strukturen von Krankheitserregern andocken können, die für herkömmliche menschliche Antikörper unerreichbar sind. Sie sind außerdem hitzestabiler und lassen sich einfacher herstellen.
Aus dieser Entdeckung ist eine eigene Arzneimittelklasse entstanden. Der erste zugelassene Nanobody-Wirkstoff kam Ende der 2010er-Jahre auf den Markt, weitere befinden sich in Entwicklung.
Ein Wüstentier hat die Biotechnologie verändert.
Kamele laufen nicht auf Hufen.
Statt fester Hufschalen tragen sie nur gebogene Nägel an der Vorderkante der Zehen. Der eigentliche Fuß ist ein breites, elastisches Sohlenpolster aus Binde- und Fettgewebe.
Setzt das Tier auf, spreizt sich dieses Polster tellerförmig und verteilt das gesamte Körpergewicht – bei einem Trampeltier bis zu 700 Kilogramm – über eine große Fläche. Das Kamel sinkt im losen Sand nicht ein, wo ein Pferd bis zu den Fesseln versinken würde.
Eine dicke Hornschwiele auf der Unterseite schützt zusätzlich vor scharfkantigen Steinen und vor Wüstenboden, der tagsüber über 60 °C erreichen kann.
Der Kopf eines Kamels ist eine Sammlung von Schutzvorrichtungen:
Diese Lippe ist bemerkenswerter, als sie aussieht. Beide Hälften bewegen sich unabhängig voneinander. Damit pflückt das Kamel einzelne Blätter zwischen den Dornen von Akazien heraus – Pflanzen, die für die meisten Pflanzenfresser schlicht unerreichbar sind.
Das Trampeltier hat zwei Höcker und ist besonders an die trockenen und kalten Regionen Zentralasiens angepasst.
Kamele sparen Wasser durch eine flexible Körpertemperatur, konzentrierten Urin und eine besonders effiziente Flüssigkeitsaufnahme.
Die meisten Vierbeiner bewegen beim Gehen diagonale Beinpaare – vorne links mit hinten rechts.
Kamele nicht. Sie setzen beide Beine derselben Körperseite gleichzeitig vor. Dieser sogenannte Passgang erzeugt eine schaukelnde Seitwärtsbewegung, die Reiter unweigerlich an den Seegang auf einem Schiff erinnert.
Daher der Beiname: Wüstenschiff.
Sollten Sie in Ägypten oder in einem anderen Wüstenland eine Kamelrunde unternehmen, werden Sie das sofort spüren. Manche Menschen empfinden es als angenehm wiegend, andere brauchen einige Minuten, um sich daran zu gewöhnen.
Der Passgang hat einen praktischen Grund: Bei langen Beinen verhindert er, dass die Hufe sich gegenseitig ins Gehege kommen. Kamele legen damit über 40 Kilometer am Tag zurück, tagelang.
Dieser Punkt überrascht fast jeden Besucher.
Auf unzähligen Bildern, in Filmen und in der Werbung ziehen Kamelkarawanen an den Pyramiden von Gizeh vorbei. Das Bild ist so vertraut, dass niemand es hinterfragt.
Historisch ist es falsch.
Als die Pyramiden von Gizeh entstanden – vor rund 4.500 Jahren –, gab es in Ägypten keine nennenswerten Kamelbestände. Das Kamel war zu diesem Zeitpunkt gerade erst auf der Arabischen Halbinsel domestiziert worden und in Ägypten praktisch unbekannt.
Die Lasttiere der Pyramidenbauer waren Esel und Rinder. Auf dem Nil transportierten Schiffe die schweren Steine.
Erst im ersten Jahrtausend vor Christus kamen Kamele in größerer Zahl nach Ägypten – und weit verbreitet wurden sie erst in ptolemäischer und römischer Zeit. Zwischen dem Bau der Cheops-Pyramide und dem Kamel als ägyptischem Alltagstier liegen also rund zweitausend Jahre.
Das Kamel am Fuß der Pyramide ist echt. Nur die Zeitrechnung stimmt nicht.
Ausschließlich das Dromedar – das einhöckrige Kamel.
Trampeltiere gibt es in Ägypten nicht. Ihre Heimat liegt Tausende Kilometer weiter östlich, in den Kältesteppen Zentralasiens, wo sie Temperaturen bis −30 °C aushalten. In der ägyptischen Hitze wären sie fehl am Platz.
Wenn Sie also am Gizeh-Plateau, in der Weißen Wüste, im Sinai oder bei Assuan ein Kamel sehen: Es hat genau einen Höcker. Immer.
Nordwestlich von Kairo liegt Birqash, der größte Kamelmarkt Ägyptens. Hier werden bis heute Hunderte Tiere gehandelt – viele davon kamen ursprünglich über die alte Karawanenroute aus dem Sudan.
Der Markt ist kein touristisches Arrangement, sondern ein echter Viehmarkt. Wer ihn besucht, sollte wissen, dass es dort laut, staubig und sehr direkt zugeht.
Die „Straße der vierzig Tage" verband über Jahrhunderte den Sudan mit Ägypten. Kamelkarawanen brauchten für die Strecke – der Name verrät es – rund vierzig Tage.
Diese Route war eine der wichtigsten Handelsadern Afrikas. Über sie kamen Gold, Elfenbein, Straußenfedern und leider auch versklavte Menschen nach Norden. Teile der Strecke werden bis heute mit Kamelen zurückgelegt.
Das Dromedar hat einen Höcker und längere Beine, während das Trampeltier zwei Höcker und ein dichteres Fell besitzt.
Das größte frei lebende Dromedar-Vorkommen der Welt liegt heute nicht in Nordafrika oder Arabien. Es liegt in Australien.
Britische Kolonisten brachten im 19. Jahrhundert Kamele auf den Kontinent, um das trockene Landesinnere zu erschließen. Kamele und ihre überwiegend afghanischen Treiber erwiesen sich als unentbehrlich beim Bau von Telegrafenlinien und Eisenbahnstrecken.
Dann kam der Verbrennungsmotor. Lastwagen ersetzten die Karawanen, und die Tiere wurden schlicht freigelassen.
Sie kamen bestens zurecht. Das australische Outback ähnelt ihrer ursprünglichen Heimat, natürliche Feinde gibt es keine. Der Bestand wuchs über Jahrzehnte in die Hunderttausende – so stark, dass Australien inzwischen aufwendige Managementprogramme betreibt.
Und die vielleicht schönste Ironie dieser Geschichte: Australien exportiert heute Kamele auf die Arabische Halbinsel.
Sieben lebende Arten. In der Alten Welt sind es Dromedar, Trampeltier und Wildkamel, in Südamerika Guanako, Lama, Vikunja und Alpaka. Ältere Quellen nennen sechs, weil sie das Wildkamel nicht als eigenständige Art führen – genetische Untersuchungen haben inzwischen bestätigt, dass es eine ist.
Am auffälligsten ist die Höckerzahl: Das Dromedar hat einen, das Trampeltier zwei. Wichtiger ist jedoch der Lebensraum. Das Dromedar lebt in heißen Wüsten Nordafrikas und Arabiens, das Trampeltier in den Kältesteppen Zentralasiens und übersteht dort Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Das Dromedar ist höher und schlanker, das Trampeltier gedrungener und schwerer.
Ja. Beide gehören zur Familie der Camelidae. Sie sind mit dem Dromedar näher verwandt, als Pferd und Esel es miteinander sind. Höcker haben sie nie entwickelt, weil ihr Lebensraum in den Anden andere Anforderungen stellte.
Fett, kein Wasser. Bis zu 36 Kilogramm Energiereserve, konzentriert auf dem Rücken statt über den Körper verteilt. Diese Bündelung hilft dem Tier zusätzlich dabei, Wärme abzugeben.
Das Vikunja mit 35 bis 65 Kilogramm. Seine Wolle gilt als die feinste Naturfaser der Welt und war im Inkareich ausschließlich dem Herrscher vorbehalten.
Ausschließlich Dromedare, also einhöckrige Kamele. Trampeltiere kommen in Ägypten nicht vor.
Im Hochsommer mehrere Tage, in kühleren Monaten mehrere Wochen – vorausgesetzt, es findet feuchte Pflanzennahrung. Ein Kamel verträgt einen Wasserverlust von bis zu einem Viertel seines Körpergewichts; die meisten Säugetiere sterben bereits bei zehn bis fünfzehn Prozent.
Wegen seines Passgangs. Kamele setzen beide Beine derselben Körperseite gleichzeitig vor, was eine schaukelnde Seitwärtsbewegung erzeugt – Reiter fühlen sich an den Seegang auf einem Schiff erinnert.
Zur Zeit des Pyramidenbaus nicht. Kamele kamen erst rund zweitausend Jahre später in nennenswerter Zahl nach Ägypten und wurden erst in ptolemäisch-römischer Zeit zum verbreiteten Alltagstier. Die Pyramidenbauer arbeiteten mit Eseln, Rindern und Nilschiffen.